Flüeblüemli und Himmelsschlüsseli

Flüeblüemli und Himmelsschlüsseli

Immer mal wieder muss ich den Unterschied erklären zwischen Flüeblüemli und Himmelsschlüsseli. Also die Flüeblüemli, das sind die Alpenaurikeln (Primula auricula). Sie sind leicht zu erkennen mit der Nase! Ihr intensiver, süsser Duft ist kaum zu verwechseln. Ausserdem tragen sie eine feine Mehlschicht auf den glatten, fleischigen, immergrünen Blättern, und auch die porzellanartigen zarten Blümchen sind mit einem weissen Mehlring um den Schlund herum verziert. Wer Flüeblüemli sehen will, muss die steileren Bergwege wählen und sich in felsiges Gebiet vorwagen. Dort wachsen sie auf schmalen Grasbändern und oftmals auch in kleinsten Ritzen zwischen dem Gestein. Auch auf ausgesetzten Graten und besonders in luftiger Höhe findet man sie, wo sie ihre zarten Blüten neckisch im Wind wiegen. Man könnte sagen, die Flüeblüemli kommen ungefähr dort vor, wo ihr auch die Steinböcke antreffen werdet. Zum Beispiel auf dem Grat vom Arnätschistand zum Wittenberghorn hinüber. Die Himmelsschlüsseli hingegen, das sind die Schlüsselblümchen (Primula veris). Diese findet ihr im Saanenland überall in naturnahen Wiesen. Auch sie sind mehrjährige Stauden mit immergrünen Blättern. Diese sind allerdings rau und gekraust, dadurch sind sie leicht zu unterscheiden von den Flüeblüemli. Die Blüten stehen in Büscheln an längeren Stielen, und sie nicken wie kleine Glöckchen. Die ganzen Blütenstiele wirken wie ein goldener Schlüssel. Diese Blüten sind essbar, und werden auch gerne für Tees und allerlei Hausmittel verwendet.

Und dann kommen hier oft noch die Mehlprimeln vor (Primula farinosa), besonders in höheren Lagen, etwa dort, wo ihr auch die grossen Kalkenziane findet, zum Beispiel vom Sanetsch hinauf zum Tsanfleuron-Gletscher. Diese kleinen leuchtend rosaroten Blümchen sind kaum zu übersehen. Lustigerweise tragen die Mehlprimeln auf den Blüten aber keinen Mehlbelag. Dieser findet sich nur auf der Blattunterseite. Im Garten kennen wir vor allem die gewöhnlichen Primeli oder Kissenprimeln. Diese Polyanthus-Primeln gibt es in grosser Vielfalt. Es sind Kreuzungen aus sind eine Kreuzung aus verschiedenen Wildformen wie Primula vulgaris, P. veris und P. elatior. Primula vulgaris übrigens, das sind die gewöhnlichen wilden Primeli, wie sie oftmals wild im Rasen auftauchen. Meist regressieren die Polyantha-Züchtungen mit den Jahren zurück zu dieser Wildform, die dann in blassem gelb und rosa dichte blühende Matten im Rasen bilden.

Sie sind im Frühling als Farbtupfer willkommen, aber für Pflanzensammler interessant sind natürlich die anderen, eben die Aurikeln. Das ist jeden Frühling ein kleines Wunder, wenn es wieder gelungen ist, die eigenen Alpenaurikeln zum Blühen zu bringen! Denn so zäh sie draussen in den Bergen sind, wo sie noch in winzigsten Felsspalten auf 3000 Meter über Meer blühen, so heikel sind sie im Garten. Ich kultiviere sie jeweils in den typischen zylinderförmigen Aurikeltöpfen. Denn zu viel Humus behagt ihnen gar nicht – die Aurikeln mögen es karg. Die Erde wird mit Sand und Kies gemischt. Und nach der Blüte gilt es, sie fast austrocknen zu lassen. Dann kommen sie den Sommer über in die hintere Reihe, wo sie sich ausruhen können. Sobald sie im nächsten Frühling neue Knospen bilden, werden sie regelmässig gedüngt – vorher aber nicht. Alpenaurikeln (Primula auricula) zieht man eigentlich immer in Töpfchen. Vielleicht mag ich sie gerade darum so gern. Aurikeln begleiten einen auch dann, wenn man gerade keinen Garten hat. Ein nicht zu sonniger Fenstersims, ein geschütztes Eckchen auf dem Balkon genügen schon. Hauptsache, die bemehlten Blätter sind vor Regen geschützt. Von den Platzansprüchen her sind Aurikeln äusserst bescheiden.

Etwas komplizierter wird es bei den Show-Aurikeln, nicht vom Platz her, aber vom Können. Ihre Blüten sind von einer unbeschreiblichen Vielfalt. Bei manchen ist der Kreis aus weissem Mehl klar abgegrenzt, bei anderen läuft er in graue oder schwarze Ränder aus. Alle sind sie von subtiler Schönheit, und meist duften sie auch. In den Töpfchen hebt man sie an die Nase, man hebt sie auf Sichthöhe, um die Details ihrer Blüten zu bewundern. Und erst die Namen: von Merlin Stripe über May Tiger und Moonglow bis zu Star Wars gibt es alles. Besonders verliebt war ich seinerzeit in Orb und Sirius – leider habe ich diese Kostbarkeiten über die Jahre wieder verloren. Und so freue ich mich nun erstmal über die drei namenlosen Alpenaurikeln, die auf dem Sims vor dem Haus blühen. Sammeln kann ich ja dann später wieder, wenn ich mal mehr Zeit habe für ein richtiges Aurikeltheater…

Fotos der Schlüsselblüemli: Blanca Burri