Flüchtling Edelweiss

Flüchtling Edelweiss

Neulich habe ich mich durch die Fotos vom letzten Sommer geklickt – und mein erstes freiwachsendes Edelweiss seit langem wiedergefunden. In meinen Erinnerungen an Kindheitswanderungen kommen Begegnungen mit wilden Edelweiss zwar vor, aber in Echt hatte ich seit einer gefühlten Ewigkeit keines mehr in der freien Wildbahn gesehen, obwohl ich in den letzten Jahren ja öfters mal im Alpenraum unterwegs war und eigentlich ganz gut bin im Finden von seltenen Pflanzen. Im Garten, klar, da wachsen sie bei mir auch, und es ist gar nicht so schwierig, die neuen, unterlandtauglichen Züchtungen selber anzubauen. Mit dem Edelweiss in freier Wildbahn aber ist es eine andere Sache. Diese Pflanze ist ja recht eigentlich auf der Flucht.

Früher war das Edelweiss zutraulicher gewesen. Vor 100, 150 Jahren wuchsen im Alpenraum noch ganze Matten voller Edelweiss auf sonnigen, steinigen Kalksteinfelsen und kargen Bergwiesen zwischen 2000 und 3000 MüM. Mit dem Aufkommen des frühen Alpintourismus wurden diese aber regelrecht geplündert. Das Edelweiss galt damals als Beweis von Mut und Kühnheit – junge Männer wagten sich in die Bergwelt hinauf und pflückten ihrer Liebsten ein Sträusschen Edelweiss als Beweis von Mut und Kühnheit. Mit den pelzigen weissen Blütensternen wurden nun allerlei Dekorationen gefertigt, und immer mehr gierige Souvenirjäger stürmten die Berge, pflückten die Blüten nun kiloweise und verkauften sie an die ersten Touristen. Die dichten Edelweiss-Matten aber verschwanden alsbald, und die kostbaren Pflänzchen zogen sich auf schwer zugängliche Grasbänder zwischen den Felsen zurück. Dort blühen sie noch heute, ja man könnte sagen, sie verstecken sich regelrecht vor den Menschen. Einige wenige Orte im Saanenland gibt es aber noch, wo wilde Edelweiss sogar entlang von Bergwegen gedeihen. Es sind jedoch nicht viele, und die Blüten sind recht klein und unscheinbar – die meisten Wanderer gehen daran vorbei, ohne sie überhaupt zu sehen, wahrscheinlich, weil sie in ihren Köpfen die Bilder von dichten Edelweissbüscheln abgespeichert haben, wie wir sie aus dem Gartenfachhandel kennen. Wer aber erst einmal eine der kostbaren Blüten entdeckt hat, wird alsbald im Gras versteckt ganz viele sehen, und immer weiter hinaufkrakseln.

Übrigens sind die wilden Edelweiss-Blüten alle ganz besondere Unikate. Kaum eine sieht so regelmässig aus wie die stilisierten Zeichnungen auf Bauernhemden und in Ferienprospekten. Bei manchen Blüten sind zwei Sterne zusammengewachsen, andere haben nur auf einer Seite lange Zacken und auf der anderen Seite kleine Stummel, wieder andere haben ganz wenige Zacken. Es ist ein bisschen wie bei den Schneesternen – je länger man hinschaut, desto grösser wird das Staunen über die unendliche Vielfalt!